Sie sind hier: Weltbürgertum Entstehung



Laszlo, Menuhin, Ustinov...

Entstehung der Weltbürgerbewegung vom 1948

Sie kommen zu weiteren Info-Texten und Foto-Vergrößerungen, in dem Sie die blaue Überschrift (Link)
oder das Bild-Symbol anklicken.

Von 1945 bis Anfang 1948 formulierte
eine Gruppe von weltbekannten Wissen-
schaftlern und Intellektuellen an der
Rechts-Fakultät der Universität von
Chicago den Vorentwurf einer Welt-
verfassung, inspiriert u.a. von Thomas
Mann (Link)
. Die deutsche Übersetzung
erschien 1951 im renommierten Verlag
S. Fischer in Frankfurt (Link).

Hiervon inspiriert gab im Mai 1948 der
damalige US-Amerikaner Garry Davis
seine Staatsangehörigkeit in Paris zu-
rück. Zusammen mit Albert Camus,
Andre Breton, Albert Sarrazac u.a. Pro-
minenten besetze er am 19. November
1948 die UNO-Vollversammlung in Paris.

Erste Tagung der Weltverfassungs-Konstituante Oktober 1948
in Genf unter den Slogan von Einstein: "One World or Non World"


Das erste Bild rechts zeigt Garry Davis
bei seiner Ansprache am 09. Dezember
1948 vor über 20.000 Weltbürgern im
Velodrom de Hiver (Radrennbahn), wo
er, Albert Camus u.a. die UN-Regierungs-
vertreter aufforderten, die Allgemeine
Erklärung der Menschen-Rechte endlich
zu beschließen.

1942, 6 Jahre zuvor, diente diese Rad-
rennbahn als Zwischen-KZ für jüdische
Kinder (siehe klick auf Bild rechts Außen zum Film "Die Kinder von Paris"). Also
ein wahrhaft psycho-historischer Ort für
die Gründung einer Weltbürger-Beweg-
ung. Garry Davis beschreibt dies ab Seite
66 in seiner Autobiographie "My country
is the World".



Durch das Anklicken des obigen Bildes kommen Sie zum Video

siehe hierzu die Buch-Titelcover


am rechten Rand aa-->
Albert Einstein gehörte 1946 zu den
Initiatoren des Notkomitees der Wissen-
schaftler gegen Atomkrieg und für eine
Weltbürgerregierung. Er schickte zur Be-
setzung der UNO am 19.11.1948 durch
die Weltbürger ein Telegramm zur Unter-
stützung und hielt in NYC eine Presse-
konferenz ab. Siehe die Bücher "Die
Unteilbarkeit der Erde" und "Menschheit
an der Schwelle". Er unterstützte später
auch UNO-Generalsekretär Dag Hammar-
skjöld, welcher als schwedischer Top-
Beamter dem Ereignis am 19.11.48 in
Paris beiwohnte und später zeitweise
eine Menschheitspolitik in der UNO imple-
mentierte - bis zu seiner Ermordung am
18.09.1961 auf UNO-Mission in Afrika.


Einstein 1949 in New York Times
über Garry Davis & Weltbürger


Gespräch 2011 zwischen Garry Davis,
S. Mögle-Stadel & Dr. Joseph Baratta
in der Arlington Street Church Boston


Bild-Link oben zu historischen Presse-
texten: Weltbürger werden für den
Friedensnobelpreis 1950 nominiert,
unterstützt von Einstein & Nehru.


Oben: Fotos & Info zur Zusammen-
arbeit von Nehru & seiner Schwester
Mrs. Pandit mit UN-Generalsekretär
Dag Hammarskjöld. Links: Nehru bei
Weltbürger-Treffen 1950 in Genf


Weltbürger-Tagung im Schwarz-
wald, Anfang September 1968


Weltföderalisten in der Schweiz
Tagung Ende August 1968



K. Kullmann über Weltbürgertum



Oben: New York Times, Mai 1948

Links: Deutschland-Radio-Feature
aa2013 zum Tod von Garry Davis


Oben: Portrait von der Dokumentar-
filmerin Robin Lloyd über S. Mögle-
Stadel in der Nachfolge von Garry
Zeitschrift Peace & Justice 2009



Weltbürger-Reisepass von Ed. Snowden

Links: Skizze des Trocadero Platzes mit dem Palais de Chaillot (du Trocadero), wo im Herbst 1948 die UNO-Generalversammlung tagte, welche von den Weltbürgern am 19. November 1948 zeitweise besetzt wurde.

Am Trocadero steht auch das Krieger-Denkmal des Marschall Foch. Dieses wurde drei Jahre später, 1951, von zwei deutschen Weltbürgern, Claudius Schauffler und Gerd Bindseil, erneut besetzt, um an die Aktion von 1948 zu erinnern.

Die Weltbürger kamen damit wieder auf die Titelseite von Le Monde (Link).

Link zur Weltbürger-Biographie von Garry Davis



In der Einen Welt zuhause

Im Jahr 1948 wurde während der UN-Generalversammlung in Paris, die am 10. Dezember die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedete, vergessene Geschichte gemacht. Die auch heute noch aktive Weltbürgerbewegung fand ihren damaligen Höhepunkt in der Besetzung der UN-Vollversammlung, bei der unter dem Namen "Operation Oran" u.a. von Albert Camus eine Weltbürgererklärung verlesen wurde.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg folgerte Garry Davis 1947, daß die Wurzel des Krieges im Nationalstaat stecke. Inspiriert von Cord Meyers "Peace or Anarchy" and Clarence Streits "Union Now" entdeckte der ehemalige US-Bomberpilot als Alternative zum Krieg der Nationalstaaten eine Weltföderation als völkerrechtliches Mittel zum Weltfrieden. Am 25. Mai 1948 gab Davis im US-Konsulat in Paris seine Staatsbürgerschaft ab, um zu zeigen, dass "die Dominanz des Nationalstaats weder blutig bekämpft noch untertänig befolgt werden muss". Tatsächlich existiere er in Wahrheit nur in der Einbildungen jener, die ihn bekämpften oder verteidigten. "Wenn es mir gelänge, in dieser Welt wenigstens einen zeitlang ohne nationalstaatliche Anerkennung zu überleben, dann hätte ich den Ausschließlichkeitsanspruch des Nationalsaats mitten ins Herz getroffen", meinte Davis.
Am 11. September 1948 entdeckte Garry Davis auf der Titelseite der Pariser Ausgabe der International Herald Tribune ein Bild, auf dem der französische UN-Delegierte Robert Schumann dem damaligen UN-Generalsekretär Trygve Lie einen goldenen Schlüssel aushändigt. Das Palais de Chaillot in Paris wurde damit für die Dauer der UN-Generalversammlung symbolisch in die exterritoriale Hoheit der UNO übergeben. Diese Konstellation war wahrlich ein Geschenk der Geschichte, oder – je nach Weltanschauung – des Himmels: Morgen mußte der staatenlose Weltbürger laut "refus de séjour" Frankreich verlassen habe oder Gefahr laufen, interniert zu werden.

Am Morgen des 12. September fuhr Davis mit der Metro zum Trocadéro und stand um sieben Uhr von dem weißen Marmor des Palais de Chaillot, das noch verschlossen war. So quartierte er sich und seine Reiseschreibmaschine einige Tage vor der offiziellen Eröffnung der UN-Versammlung auf dem gegenüberliegenden, internationalen Boden von UN-Restaurant und -Sekretariat ein. Dem französischen Wachmann machter er begreiflich, daß wenn er ihn auf französischen Boden hinauswerfen wolle, er gegen Gesetze und Anweisungen seines eigenen Staates verstoße, welcher ihn, den Staatenlosen, mit heutigen Datums seines Territoriums verweisen habe, so daß er gezwungen sei, auf dem internationalen Boden dieses der UNO zeitweise überlassenen Gebäudes Asyl zu suchen. Soviel juristisch begründete Sophistik war für die mittlerweile versammelten Wachmänner zuviel. Sie zogen ab, höheren Ortes neue Anweisungen einzuholen. Dabei stießen sie fast mit den ersten Journalisten und Fotoreportern zusammen. Das Ereignis war weltweit für viele Presseleute im bislang farblosen Vorfeld der kommenden UN-Vollversammlung die vermißte human interest story. Je nach politischem Couleur wurde Davis zum Helden oder Narren gemacht. Aber immerhin 100 Zeilen mit Foto wert. Zunächst bewegte es den in Paris schon anwesenden UN-Untergeneralsekretär Konstantin Zinchenko, den Vertreter der UdSSR, zu einer Stellungnahme gegenüber der Presse: "Davis ist ein Welt-Kind. Die Charta sieht nicht vor, daß die UN Kindermädchen spielt. Staaten mögen beitreten, Bürger in Windeln – Njet!".
Die vermeintlichen Bürger-in-Windeln begannen derweilen mit den Füßen und ihren Gesten zugunsten der noch jugendlichen aber zukunfts- und verantwortungsbewußten Weltbürger-Idee abzustimmen. Ein Quäker brachte einen Schlafsack, ein anderer eine Decke. Eine alte Dame übergab mit einem gemurmelten "que dieu soit avec vous" Brot, Käse und eine Flasche Rotwein. Die Menschenmenge vor den Stufen und dem Vordach um UN-Restaurant, wo Davis nächtigte, wuchs täglich und auch die Säcke mit Post, adressiert an "Weltbürger Garry Davis, Palais de Chaillot, Paris". Die meisten Briefe und Karten kamen aus Frankreich und Deutschland und wurden von einigen mittlerweile befreundeten Journalisten auf passende Zitate hin quergelesen.

Aber nicht nur für Tausende vom Nationalismus und Faschismus verführte und nun führerlose Zeitgenossen wurde Garry Davis nun Ansprechpartner für ein neues und zukunftsträchtigeres Sinnbild namens Weltbürgertum und gemeinsamer Weltregierung, sondern auch für die Philosophen und Literaten seiner Zeit. Als erster suchte ihn die intellektuelle Erscheinug eines Robert Sarrazac heim. Befragt nach seinen Plänen erklärte Davis, daß er die UN-Delegierten in Paris dazu auffordern wolle, eine völkerrechtliche Weltverfassung zu entwerfen. Sarrazac empfahl Davis einen "Conseil d'Avis", eine Art geistigen Solidaritätskreises einer Gruppe führender, zunächst französischer Intellektueller, welchen er für ihn organisieren wolle. Damit gewann die bisherige Ein-Mann-Demo eine neue Dimension.
Ende September hatte sich das UN-Sekretariat mit dem französischen Innenministerium abgesprochen, den "Fall Garry Davis" zu lösen, indem die Franzosen ihm einen "titre d'identité" ausstellten und seine Aufenthaltserlaubnis um drei Monate verlängerten, so daß er nun das zu publikumswirksame Asyl auf dem UN-Territorium verlassen konnte. Da diese internen Absprache keine gesetzliche Grundlage hatte, weigerte sich der Weltbürger, eine solche Sonderbehandlung anzunehmen und wurde kurzerhand in einer nächtlichen Aktion von der französischen Polizei vom "exterritorialen" Gelände der UNO entfernt. Nach der Aktion war das UNO-Territorium von starken Polizeikräften abgeschirmt. Zwischenzeitlich war Robert Sarrazac aktiv geworden und hatte sein ganzes Gewicht mit einem Artikel zugunsten von Garry Davis im "Combat", dem führenden Blatt der französischen Intelligenz, in die Waagschale geworfen.

Das Gründungstreffen des "Conseil de solidarité" fand Mitte Oktober vor versammelter internationaler Presse statt. Weltbürgerliche Übereinstimmung in der ideologischen Verschiedenheit war die Hauptattraktion und eine Quelle des Erstaunens für viele Journalisten. Gekommen waren etwa der Romancier Albert Camus, der Dichter und Maler André Breton, die Herausgeber des "Combat" und des "Franc-Tireur", Claude Bourdet und Geroge Altman, der katholische Abgeordnete und Resistance-Führer Abbé Pierre, der Maler Jean Hélion, die Direktorin von Radio Frankreich, Madelaine Paz, Louse Guieyesse vom Vorstand der "Freunde Ghandis", der protestantische Geistliche Henri Roser, die Herausgeber von "Esprit" und "Libération", Emmanuel Mounier und Louis Martin-Chauffir sowie der Gewerkschaftsführer Kobloth-Décroix und der Financier Louis Rosen, womit die Teilnehmerliste immer noch nicht abgeschlossen ist. Die Botschaft des Weltbürgertums wurde von den Medien tiefsinniger aund seriöser betrachtet. Der New Yorker anerkannte: "Mr. Davis ist im Gleichschritt mit dem Universum. Wir anderen marschieren zum Klang eines geplatzten Trommelfells" und der konservative Manchester Guradian bemerkte, der "Weltbürger Garry Davis ist ein Mann, mit dem zu rechnen ist". Das Time Magazine revidierte seine frühere Charakterisierung als "Verrückten" und kennzeichnete den – ehemaligen – Amerikaner nun als einen Menschen "von klugem Verstand, der seine Kollegen der französischen Intelligenz permanent überrascht", während sich Garry Davis bewußt wurde, daß er nun ein offizieller Presseagent für die Menschheit geworden war. Einige enflußreiche Publizisten begannen langsam Gefallen daran zu finden, mit Hilfe des Kosmopolitikums Davis die Staatsführungen und UN-Bürokraten bloßzustellen. Der amerikanische Kolumnist Ansel Mowrer etwa gab Davis den Tip, daß Trygve Lie eine Art Weltsicherheitstruppe plane und er sich doch als erstes Mitglied anbieten solle – am besten öffentlich vor der UN-Vollversammlung.

19. November 1948

Dies war der Impuls für die "Operation Oran". Der von Sarrazac ausgearbeitet Plan war, einige Beiratsmitglieder zusammen mit Davis in die teilweise öffentliche Generalversammlung einzuschleusen. Dort sollte Davis dann in einem entscheidenden Augenblick den Balkon überspringen und vor den Delegierten und TV-Kameras eine einminütige Erklärung zugunsten einer Weltregierung abgeben. Mitglieder des "Conseil de solidarité" sollten genau zu diesem Zeitpunkt im gegenüberliegenden Restaurant eine Pressekonferenz eröffnen, die Bedeutung dieser Inszenierung erklären und um die Solidarität der Presse werben.
Am Freitag, den 19. November 1948 fand die Aktion statt, die sich am nächsten Tag auf den Titelseiten der Weltpresse wiederfand und der entstehenden Weltbürgerbewegung einen weiteren wesentlichen Impuls gab. In der Sitzung der Generalversammlung ging es um die atomare Spaltung und deren Kontrolle im Ost-West-Spannungsverhältnis. Die Atmosphäre war geladen. Nach der Rede des jugoslawischen UN-Delegierten schwang sich Davis über die Balkonabsperrung, lief zum Mikrophon und begann zu sprechen: "Herr Vorsitzender, ich unterbreche hiermit im Namen des Weltvolkes, welches hier nicht vertreten ist..." Lautstark protestierend wurde der Weltbürger aus dem Saal entfernt. Während die Wachen draußen mit ihm beschäftigt waren, begann im Saal die eigentliche, dann halbstündige Aktion. Sarrazac proklamierte die Oran-Erklärung, nach ihm gaben andere Weltbürger in verschiedenen Sprachen Variationen des Themas wieder. Bald darauf kamen Unterstützungstelegramme aus aller Welt, so etwa von Albert Schweitzer und Albert Einstein.
Die Bürger von Paris en masse zu mobilisieren und um Charakter der weltbürgerlichen Idee als soziale Bewegung öffentlich zu demonstrieren, organisierte das Conseil kurzfristig eine Veranstaltung sechs Tage vor der Beschlußfassung über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember. Im Salle Pleyel kamen 3.000 Menschen zusammen, etwa 2.000 weitere mußten vor dem überfüllten Gebäude stehen. Am Tage vor der Beschlußfassung am 9. Dezember füllten 20.000 Menschen das Pariser Vélodrôme d'Hiver – das gelang damals normalerweise nur zwei Figuren: dem KP-Chef Thorez und General de Gaulle.

Quelle: >Die Unteilbarkeit der Erde<, Stephan Mögle-Stadel, Bouvier Verlag Bonn

Bestellhinweis & Quellenangabe für Rezeszenten:

Die Autobiographie mit Vorwort Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, sowie Ein-
leitung und Nachwort von Stephan Mögle-Stadel erscheint am 19.11.2018 unter dem
Titel "Heimatland Erde. Die Abenteuer des Weltbürger Nr. 1" beim Angelilka Lenz Verlag
in Neu-Isenburg. ISBN 978-3-943624-44-1.